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„Du solltest mir zu Füßen liegen und mich bezahlen!“
„Polina, für so viel Hilfe solltest du mir zu Füßen liegen.“
Tamara zupfte langsam an den Revers ihrer dicken Strickjacke und strich dann mit den Fingern über die große Kunstperlenbrosche an ihrer Brust.
„Und du sitzt schon wieder da und siehst aus, als ob dir jeder etwas schulden würde. Bist du etwa wieder erschöpft von der Arbeit, vom Papierkram?“
Polina stellte wortlos einen Suppenteller auf den Tisch und achtete darauf, nicht mit dem Ellbogen gegen den Brotkasten zu stoßen. Nach acht Stunden vor dem Computer und der Heimfahrt im überfüllten Bus schmerzte ihr Rücken, als hätte ihn jemand den ganzen Tag in einen Schraubstock gespannt. Alles deutete darauf hin, dass auch der Abend lang werden würde.
„Steppa hat schon gegessen.“ „Iss auch“, sagte sie ruhig.
Polina schob die saure Sahne näher an ihre Schwiegermutter heran.
Tamara holte ihren fünfjährigen Enkel zweimal die Woche vom Kindergarten ab. Dann brachte sie ihn in ihre Wohnung und wartete auf ihre Schwiegertochter, die von der Arbeit zurückkam. Doch nur beim Kind zu sitzen, reichte ihr nicht. Diese „Hilfe“ beinhaltete auch ein Abendessen, am liebsten ein mehrgängiges Menü mit frischem Gebäck und natürlich den obligatorischen Dankesworten.
„Irgendeine wässrige Borschtsch“, sagte Tamara missmutig, stocherte mit dem Löffel in ihrem Teller herum und schöpfte Kohl heraus.
„Richtige Borschtsch. Mit Rinderbrühe“, erwiderte Polina, setzte sich ihr gegenüber und schob ihren eigenen Teller näher an sie heran.
„Das Fleisch ist zäh. Man kaut wie Kaugummi. Denis isst so etwas nicht. Ich habe ihn von klein auf an normales, selbstgekochtes Essen gewöhnt.“ „Ich habe immer das beste Fleisch auf dem Markt gekauft.“
Polina antwortete nicht. Sie nahm nur einen Löffel Suppe.
Hilfe, die schnell zur Pflicht wurde
Zwei Jahre zuvor hatte Tamara einen hohen Kredit für ihr geliebtes Grundstück aufgenommen. Sie wollte neue Gewächshäuser bauen, den Zaun erneuern und Apfel- und Birnbäume einer anderen Sorte kaufen, die die Händler anpriesen, als wären es Bäume mit wundersamer Ernte.
Dann versprach Denis seiner Mutter, ohne seine Frau zu fragen, ihr bei der Rückzahlung des Kredits zu helfen.
Drei Monate zuvor, als ihre Schwiegermutter angeboten hatte, Stepa gelegentlich vom Kindergarten abzuholen, wurde aus ihrer „Hilfe“ schnell eine monatliche Pflichtzahlung. Tamara erwartete das Geld pünktlich zum vereinbarten Termin und behandelte es als ihr Recht.
„Ein einfaches Dankeschön reicht nicht, meine Liebe“, sagte ihre Schwiegermutter und schob ihren Teller weg, auf dem fast die Hälfte des Borschtschs war.
Sie wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und sah sie eindringlich an. Polina.
„Wo ist Denis? Er ist heute schon eine Weile weg.“
„Auf der Arbeit“, antwortete Polina kurz angebunden und räumte den Tisch ab. „Sie schließen gerade die Berichte ab. Er hat mich gebeten, nicht auf ihn zu warten.“
„Verstehe. Sie schieben wieder alles auf den Jungen; er hat ja keine Ahnung.“
Tamara stützte die Ellbogen auf den Tisch.
„Da mein Sohn nicht da ist, gib mir das Geld. Morgen ist meine Rate fällig, wie geplant. Die Bank wartet nicht.“ „Wenn ich auch nur ein bisschen zu spät komme, kriege ich sofort Strafgebühren.“
Polina warf ihrer Schwiegermutter einen Blick zu.
Tamara sah sich selbst als die Retterin der Familie. Es störte sie überhaupt nicht, dass die zwei Stunden mit ihrem Enkel jeden Monat eine beträchtliche Summe kosteten. Sie behandelte es wie ehrlich verdientes Geld.
„Denis hat mir nichts hinterlassen.“
Tamara sprang abrupt auf und stieß beinahe den Salzstreuer um.
„Was meinst du mit ‚er hat mir nichts hinterlassen‘?“
Sie beugte sich über den Tisch.
„Er hat mich gestern selbst angerufen! Er sagte, das Geld sei wie immer im Haussafe. Hol es raus. Lass mich nicht noch eine Stunde länger hier sitzen. Ich muss noch den Bus erwischen, und abends fahren die, wann sie wollen. Dann steht man an der Haltestelle und wartet ewig.“
„Verzichten wir darauf“, sagte Polina und warf einen Blick auf die Wand über den Küchenschränken.
„Woauf?“ Tamaras Stimme wurde sofort eisig.
„Keine Forderungen“, erwiderte Polina und sah ihre Schwiegermutter wieder an.
Sie stützte die Hände fest auf die Tischkante.
„Diesen Monat haben wir Stepa Winterkleidung gekauft: einen Neoprenanzug, Stiefel und eine Mütze. Außerdem haben wir die Schwimmkurse für sechs Monate im Voraus bezahlt. Für eure Gewächshäuser auf dem Grundstück haben wir kein Geld mehr. Der Haushalt ist komplett durchgeplant. Wir müssen bis zum nächsten Gehalt sehr sparsam wirtschaften.“
„Extra?“
Tamaras Gesicht lief rot an.
„Mein Geld nennst du extra? Ich kümmere mich um dein Kind! Ich ruiniere mir meine Gesundheit mit den Busfahrten zu euch!“
Sie schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Die Kindergärtnerin beschwert sich über ihn. Sie sagt, er will sich nicht selbst anziehen, er trödelt nur. Bevor ich ihm überhaupt den Strampler anziehen konnte, war ich schon schweißgebadet!“ Und ich schleppe seine Sachen aus dem Kindergarten! Wenn ich nicht wäre, wärt ihr beide schon längst gefeuert worden wegen eurer ständigen Unpünktlichkeit!“
Polina schwieg und sah ihre Schwiegermutter wütend an. Sie rechnete im Kopf noch einmal alle Kosten durch.
Schließlich hatte ja niemand etwas „gespart“.
Ein normales Kindermädchen, das sich ein paar Stunden um das Kind gekümmert hätte, hätte sie um ein Vielfaches weniger gekostet.