„Verdammt, alte Frau …“
Sie ging direkt in die Waschküche. Doña Carmen faltete Handtücher, ihre Hände zitterten.
Valeria packte sie an den Schultern.
„Mit wem hast du gesprochen? Wer hat diese Kameras dort angebracht?“
Die alte Frau antwortete nicht.
Da verlor Valeria die Beherrschung. Sie zerrte sie in den Garten, zu dem alten Baum, an dem Andrés als Kind gespielt hatte, nahm den Gärtnern ein Seil ab und begann, es an den Stamm zu binden.
„Sprich, selbst wenn es dein letzter Akt ist.“
Als Rosa sah, dass die Kameras aus waren, rannte sie zum Zaun. Dort sah sie Doña Carmen gefesselt und weinend, und Valeria schrie sie wie eine Wahnsinnige an.
Sie rief die Polizei.
In diesem Moment tauchte Andrés’ Lastwagen auf der Straße auf.
Und als er die Hintertür des Hauses öffnete, hörte er seine Mutter schreien.
TEIL 3
Andrés schritt durch die Küche, als stünde der Boden in Flammen. Mit der Schulter stieß er die Hintertür auf und trat auf die Terrasse, die in der Nachmittagssonne lag.
Was er sah, verschlug ihm den Atem.
Seine Mutter, die Frau, die ihm als Kind Tamales verkauft hatte, damit er zur Schule gehen konnte, war an den Stamm einer alten Esche gefesselt. Ihr Gesicht war von Tränen benetzt, ihre Bluse verdreht, ihre Arme von Seilen gezeichnet, und in ihren Augen spiegelte sich eine Angst, die Andrés noch nie zuvor gesehen hatte.
Valeria stand vor ihr.
Dieselbe Valeria, die er eine Stunde zuvor verteidigt hatte. Die Frau, die neben ihm geschlafen, ihm Kaffee eingeschenkt und ihn vor aller Augen „Liebling“ genannt hatte. Ihr Haar war zerzaust, ihr Atem ging stoßweise und unregelmäßig, und sie zeigte auf Doña Carmen, als wäre diese wertlos.
„Was zum Teufel tust du da?“, brüllte Andrés.
Valeria drehte sich um. Einen Moment lang huschte pure Panik über ihr Gesicht. Dann versuchte sie, sich mit ihrer gewohnten Ruhe zu retten.
„Andrés, Gott sei Dank bist du da. Deine Mutter ist krank. Sie ist völlig aufgelöst. Sie hat mich angegriffen, und ich musste sie festhalten, damit sie sich nicht selbst verletzt.“
Andrés sah seine Mutter an. Carmen schüttelte zitternd den Kopf.
„Sohn, verzeih mir … ich wollte dich nicht beunruhigen …“
Dieser Satz brach ihm das Herz.
Es war nicht die Stimme einer besorgten Frau. Es war die Stimme einer Mutter, die aus Liebe schwieg.
Andrés trat vor, ohne Valeria anzusehen. Er zog ein kleines Messer aus seinem Gürtel und durchschnitt mit zitternden Händen das Seil. Doña Carmen stürzte, und er fing sie auf.
„Mama … Mama, verzeih mir.“
Die ältere Frau klammerte sich an sein Hemd, als hielte sie ein Kind im Arm, das auf ihrem Schoß eingeschlafen war.
Valeria schrie:
„Sei nicht so dumm! Sie manipuliert dich!“
Andrés stand langsam auf. Seine Augen waren rot, aber nicht nur von Tränen. Es war Wut. Es war Schuld. Es war der brutale Schlag, den er verspürte, als ihm klar wurde, dass er seine Mutter allein mit der Mörderin gelassen hatte.
„Halt den Mund“, sagte er.
Valeria wich einen Schritt zurück.
Dann heulten Sirenen auf.
Zwei Polizeiwagen fuhren auf das Grundstück und wirbelten Staubwolken auf. Rosa tauchte hinter ihnen auf und sprang mit ihrem Handy über den Zaun.
„Officer, hier ist der Beweis!“, schrie sie.
Valeria versuchte nach Hause zu rennen, aber ein Polizist versperrte ihr den Weg. Rosa zeigte dem Beamten die Videos: zuerst die Beleidigungen; dann Doña Carmen auf den Knien, wie sie Essensreste vom Teppich aufhob; dann die Küche. Valeria zog eine dunkle Flasche hervor. Tropfen fielen in die Limonade. Sie rührte mit einem Löffel um. Sie lächelte.
Der Beamte blickte auf.
„Frau Valeria Robles, Sie sind verhaftet.“
„Das können Sie mir nicht antun!“, schrie sie. „Ich bin seine Frau! Das ist mein Haus!“
Andrés sah sie mit einer Kälte an, die er noch nie zuvor gezeigt hatte.
„Dieses Haus gehörte dir nie.“
Als man ihr Handschellen anlegte, hörte Valeria auf, sich zu verstellen. Sie verfluchte Rosa, beleidigte Carmen und bedrohte alle. Die elegante Frau, die perfekte Ranchersfrau, verschwand vor den Augen derer, die noch an ihr gezweifelt hatten. Nur die nackte Wut einer Entlarvten blieb zurück.
Doch bevor die Polizei ging, legte Andrés die Hand auf seine Brust. Sein Gesicht wurde kreidebleich. Er versuchte, sich an einem Baum festzuhalten, aber …
Er fiel ins Gras.
„Andrzej!“, schrie Doña Carmen.
Sie brachten ihn ins Zentralkrankenhaus von Querétaro. Rosa saß hinten im Krankenwagen, und Doña Carmen weinte auf dem Beifahrersitz. Die ältere Frau betete leise und hielt einen alten Rosenkranz in ihrer Manteltasche.
Die Stunden vergingen.
Als der Arzt ging, lebte Andrés noch, doch die Diagnose war niederschmetternd.
„Er kam gerade noch rechtzeitig“, sagte der Arzt. „Wir haben ein Gift in seinem Blut gefunden. Das Gift schädigt allmählich das Herz. Hätte er es noch ein paar Wochen länger genommen, wäre er an einem natürlichen Herzinfarkt gestorben.“
Doña Carmen hielt sich den Mund zu. Rosa schloss die Augen. Keine von beiden wollte sich vorstellen, wie viele Nachmittage Andrés sich zu Tode getrunken hatte, überzeugt, es sei Liebe.
Als Andrés in dieser Nacht erwachte, sah er seine Mutter an seinem Bett sitzen. Sie hielt seine Hand.
„Ich habe …“
Sie beugte sich vor.
„Ich bin da, mein Sohn.“
Andrés weinte hemmungslos. Nicht wie ein Chef, nicht wie ein Gutsbesitzer, nicht wie ein starker Mann. Er weinte wie ein Sohn, der wegen seiner eigenen Blindheit beinahe seine Mutter und sein Leben verloren hätte.