Die Wohnung duftete nach frischem Kuchen und aufgeregter Vorfreude. Nina Pawlowna hatte seit dem Morgen alles für die Ankunft ihres Sohnes, ihrer Schwiegertochter und vor allem ihres Enkels vorbereitet. Sie deckte den Tisch, richtete die Servietten und ordnete die Löffel neu an, obwohl alles schon längst bereit war. Doch sie konnte nicht stillsitzen. Sie wartete auf ein Kind, das sie kaum kannte und das sie doch schon jetzt liebte.
Als sich die Tür endlich öffnete, eilte Nina Pawlowna ihm entgegen. Maxim trat als Erster ein, gefolgt von Marina, die vorsichtig ein Bündel an ihre Brust drückte. Nina Pawlownas Gesicht strahlte vor Freude.
„Gib ihn mir, gib ihn mir!“, rief sie und streckte dem Baby die Arme entgegen. „Marischka, hab keine Angst, ich passe auf dich auf.“
Marina lächelte und reichte ihr das Baby. Nina Pawlowna zog vorsichtig eine Ecke der Windel zurück und blickte in das winzige Gesicht. Einen Moment lang wirkte sie entzückt. Doch dann erstarrte sie.
Ihr Lächeln verschwand wie der Schatten einer Wolke am Himmel.
„Maxim“, sagte sie leise und schob ihren Sohn beiseite. „Komm mal her.“
„Mama, was ist los?“, fragte Maksim und legte sanft die Arme um sie. „Alles in Ordnung.“
„Nein, es ist gar nichts in Ordnung. Sieh ihn dir an. Er sieht dir überhaupt nicht ähnlich. Nicht seine Nase, nicht sein Kinn, nicht seine Ohren. Du sahst in seinem Alter ganz anders aus.“
„Mama, er ist doch gerade erst geboren. Neugeborene verändern sich ständig.“
„Bitte“, sagte Nina Pawlowna und schüttelte den Kopf. „Letzte Woche habe ich mir bestimmt dreißig Fotos von dir angesehen. Vom ersten Tag an sahst du genauso aus wie dein Vater. Und dieser Junge … er ist ein Fremder.“
Marina hörte das letzte Wort.
Sie blieb in der Tür stehen, ihre Hände begannen zu zittern. Wortlos nahm sie das Kind ihrer Schwiegermutter ab und verschwand im Schlafzimmer. Einen Augenblick später drang ein gedämpfter Schrei hinter der dünnen Wand hervor.
„Mama, warum hast du das gesagt?“, fragte Maxim leise.
„Ich will nur, dass du nicht blind bist, mein Sohn.“
„Ich bin nicht blind. Ich vertraue nur meiner Frau.“
Nina Pawlowna zog ihren Mantel an und griff nach ihrer Handtasche. Die anderen Gäste, sichtlich verlegen, begannen ebenfalls zu gehen. Das Treffen, das eine ganze Woche lang vorbereitet worden war, endete nach nur wenigen Minuten.
### Schmerzhafte Worte, die nicht zurückgenommen werden konnten
Maxim betrat das Schlafzimmer. Marina lag auf dem Bett und klammerte sich an Kolja. Sie weinte leise und presste ihr Gesicht ins Kissen, als wollte sie ihr Leid vor der Welt verbergen.
Maxim setzte sich neben sie und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Marisch, hör nicht auf sie. Sie ist eine alte Frau.“ „Vielleicht hat sie sich das nur eingebildet.“
„Sie sagte ‚Fremder‘“, schluchzte Marina. „Das hat sie über mein Kind gesagt.“
„Über unser Kind“, korrigierte Maksim sie. „Wenn er größer ist, wird er dir immer ähnlicher sehen.“ Du wirst schon sehen.
Er nahm seinen Sohn in die Arme und wiegte ihn sanft. Er betrachtete sein kleines Gesicht. Der Junge schlief friedlich, unbeeindruckt von der Spannung, die die Worte der Erwachsenen verursacht hatten. Maksym lächelte und küsste seine warme Stirn.
Er ahnte damals noch nicht, dass die Worte seiner Mutter eines Tages wiederkehren würden.
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