TEIL 1
— Wenn dieser Junge noch einmal behauptet, in diesem Industrietank sei ein lebender Mensch, werde ich eine Überweisung zur Kinderpsychiatrie veranlassen.
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Die Stimme der Leiterin Beáta Szalay klang so kalt, dass selbst langjährige Fans des Kinderheims Szent Luca einen Moment innezuhalten schienen.
Máté, erst sechs Jahre alt, hörte alles vom Flur aus.
Er weinte nicht.
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Er schrie nicht.
Er umarmte nur den braunen Teddybären, der einst seiner Mutter gehört hatte, fester und blickte auf seine abgetragenen Turnschuhe. Unterstützung für Mütter
Er lebte seit sieben Monaten in diesem Kinderheim am Industrierand von Budapest, wo die Stadt inmitten verlassener Werkstätten, rostiger Hallen und vermüllter Kleingärten zu sterben schien.
Seine Mutter starb an einer Lungenentzündung, weil sie erst spät ärztlich versorgt wurde.
Sein Vater, völlig verzweifelt vor Trauer und Alkohol, starb wenige Wochen später bei einer Schlägerei vor einer Kneipe.
Von da an sprach Máté kaum noch.
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Doch jeden Nachmittag, während die anderen Kinder im Hof spielten, beobachtete er die riesigen Metalltanks, die sich hinter der Hausmauer in dem alten, verlassenen Industriegebiet erhoben.
Es waren gewaltige Zylinder, bedeckt mit Rost, Graffiti und dunklen Flecken von jahrelangem Regen.
Als er weglief, fand ihn Daniel Robert, einer der jungen Hauspfleger, mit dem Ohr an die Wand eines der Tanks gepresst.
„Matthew, was machst du hier? Es ist gefährlich.“
Der Junge legte einen Finger an die Lippen.
„Hör zu.“
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Daniel stand still und lauschte.
Nur der Wind raschelte auf den losen Metallplatten, und in der Ferne bellte ein Hund.
„Da ist nichts, Meister.“
Matthew schüttelte den Kopf.
„Doch, da ist etwas. Da ist ein Mann. Er klopft.“
Daniel dachte, es läge an der Trauer.
Trauma.
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Ein Kind, das beide Eltern zu früh verloren hat.
Der Sozialpsychologe sagte nach seiner Untersuchung dasselbe:
„Wahrscheinlich handelt es sich um zwanghaftes Verhalten aufgrund von Verlassenheitsängsten.“
Aber Matthew lief immer wieder weg.
Einmal in der Mittagspause.
Ein anderes Mal im strömenden Regen.
Und einmal sprang er aus dem Badezimmerfenster und verletzte sich dabei so schwer am Knie, dass es blutete.
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Er rannte immer zum selben Becken.
Die anderen Kinder fingen an, ihn zu hänseln.
„Schon wieder dieser verrückte Máté!“
„Geh und sprich mit deinem spirituellen Freund!“
Máté antwortete nicht.
Er setzte sich neben den Metallzylinder, presste sein Gesicht gegen die Wand des kalten Tanks und wartete.
Eines Nachmittags fand Dániel ihn weinend vor.
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„Was ist passiert, Máté?“
Das Gesicht des Jungen war nicht nur von Tränen, sondern auch vom leichten Regen benetzt, der auf den verlassenen Bauernhof fiel.
„Er klopft kaum noch.“
Dániel spürte einen seltsamen Druck in seiner Brust.
„Wer?“
„Ein Mann.“
„Welcher Mann?“
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„Onkel Viktor.“
Daniel erstarrte.
„Woher weißt du, dass er so heißt?“
Máté drückte den Teddybären fester an sich.
„Er sprach leise.“ Er sagte: „Ich bin Viktor … hilf mir.“
An diesem Abend sah sich Daniel die Zeichnungen an, die Matthew in den letzten Wochen angefertigt hatte.
Es waren fünfzehn Blätter Papier.
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Darf
Auf jedem Blatt war dasselbe Gefäß abgebildet.
Ein runder Deckel.
Eine menschliche Figur darin.
Rostige Geländer daneben.
Ein teilweise eingestürzter Flur.
Und ein rotes Kreuz neben einer Metallleiter.
Das waren keine kindlichen Kritzeleien.
Es war eine Karte.
Daniel brachte die Blätter zu Direktorin Beata.
Die Frau warf nur einen kurzen Blick darauf.
„Eine kranke Besessenheit.“
„Direktor, ich möchte nur diesen Behälter sehen.“
Beata lachte trocken.
„Sie wollen, dass ich die Polizei rufe, weil ein traumatisiertes Waisenkind Gruselbilder malt?“
„Was, wenn Sie Recht haben?“
Beatas Blick verhärtete sich.
„Dieses Kind bringt das ganze Haus durcheinander. Ich habe bereits mit dem Jugendamt gesprochen. Sie kommen am Montag, um den Antrag auf Verlegung in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie zu unterschreiben.“
Hinter der Tür hörte Máté das Wort „Verlegung“ und erbleichte.
In dieser Nacht, als alle schliefen, schlich er barfuß ins Büro.
Er sah eine Mappe mit seinem Namen auf dem Tisch.
Máté Kovács.
Vorläufige Diagnose: Schwere akustische Halluzinationen.
Fluchtgefahr.
Empfehlung: Sofortige Einweisung in eine Anstalt.
Der Junge wich zitternd zurück.
Er fand Daniel in der Waschküche, wo er Decken zählte.
Máté gab ihm seine letzte Zeichnung.
„Wenn sie ihn mitnehmen, stirbt Onkel Viktor.“
Daniel betrachtete die Zeichnung.
Dann sah er dem Jungen in die Augen: müde, ängstlich und doch unglaublich zuversichtlich.
Zum ersten Mal beschloss er, ihm zu glauben.
Am nächsten Morgen würde er zur Polizeiwache gehen.